Lebenslabyrinth - meine Geschichte

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Hallo Claus,                                                       Vieselbach, 7.August 2013 

will mir heut den „schwersten Stein“ von der Seele sprechen: Wie fang ich an? ... ist es schwer zu verstehen, dass man bei dem Satz: „Ich bin die Schwester eines Dreifach-Mörders“ am liebsten im Boden versinken will, geschweige denn ihn aussprechen „möcht“?  …wie wird auf so was reagiert? Ich hab Mitte/Ende der Neunziger an der Arbeit erleben müssen, wie die nahe Verwandtschaft(!) eines Mordfalls gemobbt wurde… ich steh im Büro der Musikschule und es wurde gerade ein Unterrichtsvertrag gekündigt, weil man mit „solchen Leuten“ keinen guten Ruf hat… Ich war sprachlos über so viel Blödheit und es hämmerte mir im Kopf -  wie Rumpelstilzchen hab ich mich gefühlt:  „Oh wie gut, dass keiner weiß, dass…“. Meine „Schutzhülle“ glaub ich, hat mich vorm ausrasten bewahrt.

Momentan kommt es mir selber wie ein „Fass ohne Boden“  vor, das ich öffne, bzw. es wird sich wohl ein Fass nach dem anderen auftun… Ich konnt‘ es Dir gegenüber nicht ansprechen (Angst und Herzrasen hab ich in den eher seltenen Anlässen der „Offenbarung“ dabei zwar immer gehabt),… weil ich gespürt hab, dass es  bei Dir nicht mit ein paar Sätzen getan ist… Irgendwie hat sich aber „Sehnsucht“ breit gemacht, es mir  von der Seele zu schreiben und in der Auseinandersetzung damit mich selber besser zu verstehen. Natürlich war das schon das wichtigste Thema für die erste Psychotherapie in Folge des Scheidungsjahres und dann später in der Fortsetzung in Osnabrück beim Wechsel, es war viel nachgeholte Trauerarbeit… aber ich habe dabei die Erfahrung gemacht, das ich nicht der „Redetyp“ bin, ich muss/kann eher schreiben, um Ordnung ins Gehirn zu kriegen… Wenn Du mir dabei helfen willst/kannst, bin ich sehr dankbar.

 Du hast sicher gemerkt, dass ich vorrangig von meinem Vater gesprochen hab… Früher oder später taucht immer die Frage auf,  was mit meiner Mutter war… und mein Bruder Justus will mir kaum über die Lippen… die grausige Erinnerung ist nicht „wegzudenken“:

Mein Bruder (grad mal 15 Jahre) hat meine Mutter umgebracht, im Schlaf mit der Axt erschlagen, spät abends, als mein Vater nicht da war. Wir Kids schliefen gegenüber und haben nichts mitgekriegt (!) – keine Schreie, obwohl der Obduktionsbericht deutlich gemacht hat, dass sie sich gewehrt haben muss, sogar noch  mal  auf die Beine gekommen sein muss...

Das war im Jahr ‘75, mein Vater machte an dem Unglücksabend Kunstspringertraining in EF – wie ich Dir im Auto nach unsrer Kneipentour auf dem Weg zum Gartenhäuschen erzählt hab –, von dem er immer erst sehr spät wiederkam. Als wir in der Nacht aufwachten und unbekannte Geräusche hörten (viele Schritte und Stimmen) und ich die Tür öffnete, wurde ich wieder zurückgeschoben… und dann später in die Stille hinein andere Geräusche… als wir nun vorsichtig die Tür öffneten, sahen wir unsern Vater… er wischte weinend die Treppe u. als er uns wahrnahm, bat er uns runter in die Essküche, stellte einen Stuhlkreis u. „sagte“ was geschehen war, in unser unfassbares Schreien hinein bat er uns auf Knien, „ihm“ zu helfen (!)…

Ich war 10 Jahre alt, im 4. Schuljahr,  und kann nur das wiedergeben, wie ich es in Erinnerung hab…jeder von uns hat seine „Variante“, bis hin zur Verdrängung…

Die „Welt“ stand still und gleichzeitig begann das Chaos zu toben…ich hab mit einem Schlag zwei - mir wichtige Bezugspersonen – verloren, meine Mutter und meinen Bruder. In meiner Verlassenheit hab ich mir meine Mutter jahrelang an meiner Seite „magisch“ mitgehend „geträumt“.  Für meine Mutter war ich „ihre zweite rechte Hand“ –ich glaube entsprechend geliebt und respektiert, trotzdem konnte ich keine echte Vertrauensperson in ihr finden wie auch beim Vater nicht (aber das ist ein anderes Fass) …und meinen Bruder hab ich bewundert für sein Klavier-und Geigenspiel, ich hab ihm beim Üben immer zugehört… er hatte seinen Musikstudienplatz in Weimar quasi schon inne…, (unter anderem ein Grund, warum ich mich später nicht in W sondern in L zum Studium beworben hab)… Jetzt kämen  die „Warums zur Tat“, dieses  Fass kann ich jetzt auch nicht in seiner Dimension öffnen… aber ich will noch vom Vorabend der Totesnacht schreiben, weil mir dazu heut ein Gedanke in Bezug zu meinem jetzigen Erleben aufkam, so ganz klar:

Wir Geschwister saßen alle „bettfertig“ am Abendbrottisch außer Johannis, der schlief schon mit seinen erst 1 ½ Lenzen,  und wir Schwestern kamen auf den Blödsinn, „Bemmen (Stullen) -Wettessen“ zumachen, wer halt die meisten schafft. Nur Justus, der Älteste unter uns, saß gedankenversunken da und kaute an seiner Schnitte. Er sah dem Treiben „der Hexen“- wie er uns in der Wut gern nannte - nur zu. Mitten im „Tobabo“ und vielleicht vom vielen Brote nachschmieren,  fing plötzlich meine Mutter heftig an zu weinen und schickte uns zu Bett. Wir schlichen „schuldbewusst“ in die Betten, ohne dem sonst üblichen Gute-Nacht-Kuss…(!) …und hatten damit die Gelegenheit des friedlichen Abschieds vertan (!)… die Folge war ein furchtbares Scham- und Schuldgefühl, das ich auch in meiner Therapie so empfand… das seitdem wie Pech am Körper klebt…

Heut in Gedanken sind mir plötzlich die Worte für  mein gelähmtes Verhalten in deinem Auto gekommen, als Du herausgekriegt und  mir vorgeführt hast, was ich da eigentlich „treibe“… War es für Dich nicht komisch, wie ich reagiert hab?  In dem vorherigen Brief konnte ich es so noch nicht begreifen, ahnen ja…  dieses furchtbare Schuldgefühl ist es, was mich in deinem Auto fast eine Stunde unbewusst wie gelähmt „kleben ließ“…Ich hat was „schlimmes“  gemacht, genau wie wir Kids damals, nur dass es jetzt kein Kinderspiel (Wie viele Brotstullen schaff ich?) sondern zum Erwachsenenspiel (in Bezug auf Partner) wurde…, was natürlich nicht als Kind, aber jetzt als unmoralisch zu bewerten ist… Die Psychologin anfangs hat mir gesagt, dass bestimmte emotionale Entwicklungen durch Schockeinwirkung „einfrieren“ und dann entwickelt man sich zwar körperlich natürlich weiter aber nicht adäquat emotional… (ob das stimmt?). Ist „diese Erkenntnis“ nur ein Hirngespinst, was ich da eben geschrieben hab?

Vielleicht bin ich auf Suche nach einem Partner, der mir die „unendliche“ Liebe zuteilwerden lässt, die ich in meinen Kindertagen vermisst hab… was nicht heißt, dass ich mich von allen Seiten bedient fühlen will – den Eindruck werde ich auf dich auch nicht gemacht haben… Meine Erfahrung lehrt mich, dass es so einen „Ideal“-Partner nicht gibt… so dass ich vielleicht gefühlsmäßig „Ihn“ mir aus drei Personen zusammengesetzt hab…(ich weiß gar nicht, wenn ich das grad per Hand schreiben wollt, ob sie mir den Dienst versagen tät…mit den Tasten kann ich die Gedanken, die mir so kommen,  ans Licht bringen, auch wenn es grotesk und bizarr sich anfühlt)… Will den Gedanken nicht verwerfen, aber kann ihn jetzt auch nicht vertiefen, es ist eh schon so viel.

Danke dir fürs „Zuhören“. LG Dorehn 

 

-----Original-Nachricht-----

Datum: Sat, 10 Aug 2013 23:24

Von: Dorehn   An: Claus

Betreff: keine Sorge

Hallo Claus, Du wirst gemerkt haben, dass ich  einfach losschreiben musste, wie mir grad danach ist/war... ich will Dir aber nicht pausenlos neue "Seelensteinen" senden... nein...und mir geht es gut...sitz gerade hinter dem Gartenhäuschen am“ letzten Lagerfeuer“, dem auch ein kleiner Regenguss kein Abbruch tat- und über mir die Sterne...endlich hab ich zumindest „mein“ Himmels-W wiederentdeckt... morgen "reiß ich die Zelte" hier ab.... aber weshalb ich schreibe diese Zeilen?:

Ich will die Zeit der gedanklichen Auseinandersetzung meiner Situation u. meines Lebens mit einer lang gehegten künstlerischen verknüpfen /"überbrücken"…das schafft „Atempause“ beiderseits…und es ist für meine Stimmung sehr wichtig, ein besonderes Ziel vor Augen zu haben… ich werde die "Wanderer-Fantasie" von Fr. Schubert üben, Jahre schon hab ich sie in Angriff genommen und immer wieder abgebrochen... und um an der Konsequenz zu bleiben, werde ich nicht eher wieder schreiben, bevor ich zwei Seiten erarbeitet habe (ca. 1 Woche bei den eher wenigen Übestunden, die ich schaffe)...kannst du das verstehen?...wenn ich jetzt "nur" an meinen "weichen Kern" denken würd... das geht nicht...ich würde mich selber "außer Gefecht" setzen. LG Dorehn

 

Liebe P.-S.,                                         11.8.'13

ich fühl mich wie durchgeschüttelt  im Innern. All meinen Mut habe ich zusammen-genommen, um das schrecklichste Trauma erst mal „zu Papier“ zu bringen, so emotional, wie beim ersten Mal in der Therapie aussprechen, mit jedem Wort musste ich ringen. Nebenher hörte ich  Schuberts „Wanderfantasie“  -ja, sie muss es sein! (ich „brauche“ sie, um die Kluft zwischen dem jetzt und damals zu überbrücken!) Ich will es rausschreien und die Energie, die dieses 33-seitige Klavierstück erfordert, ist in mir erwacht. Es wird wieder mal (wie ich es aus Studienzeiten noch empfinde) ein langer Prozess werden, viele Wochen um es „in die Finger“ zu kriegen und dann muss es womöglich noch mal so lange „reifen“, um es aufführen zu können…aber genau das soll mir recht sein…ich muss dran bleiben…und schon merke ich, dass mich das „Fieber“ packt: Auseinandersetzung von zwei Seiten her…wird das zu bewältigen sein, oder wird es zur Überforderung?  Musikalisches kann ich natürlich nur mit Dir austauschen, das würde den Laien überfordern. LG Dorehn

 

Von: Dorehn   An: Claus

Betreff: Rückmeldung

Datum: Tue, 13 Aug 2013 13:07

Hallo Claus,

die letzten 2 Seiten der Klavierfantasie (ich beginne diesmal von hinten nach vorn) nehmen in Kopf und Fingern Kontur an und mein nächster "Seelenstein" auch. Beim Schreiben stelle ich fest, dass ich eigentlich ganz unterschiedliche Situationen im Heute und Damals mit gleichen Worten ausdrücke und letztlich ja verbinde, wobei es einfach so kommt, ja ich fast zögere sie dann auch so zu schreiben, weil mich da irritiert. Heißt das, dass ich die Situationen mit den (noch immer?) gleichen Emotionen wahrnehme, bzw. jetzt bewusst mache? Ich denke, ein "Zwiegespräch" könnte mir eher Sicherheit geben zu dem, was ich schreibe und es wäre gut, wenn Du mir kurze Rückmeldungen geben kannst auf mein Geschriebenes.

Anbei noch Bilder vom fertig entrümpelten Schuppen...diese "gewonnene" Entrümpelungs-aktion hat schon auch fast symbolischen Charakter...im Nachhinein kommt mir vor Erleichterung ein Lachen und ich danke auch Dir für die erste Hilfe als "Startschuss" dazu.

LG Dorehn

 

 

von: Claus     an: Dorehn    

Datum:15.8.

Hallo Dorehn,

ich habe deine Mails/Brief gelesen. Ein Zwiegespräch kann ich darüber nicht mit dir führen/schreiben. Ich denke, du sortierst deine Eindrücke und Erinnerungen für dich und wirst daraus Schlüsse ziehen können. Gruß Claus

 

 

Datum: 16.8.

Hallo Claus, ich verstehe, dass du wahrscheinlich sehr gezögert hast mit der Antwort, die mir sagt, ich soll es lassen, Dir zu schreiben... oder heißt es nur, dass ich keine Antwort erwarten soll? Ich hatte vergangenen Nachmittag den nächsten "Brief" schon als PDF verpackt und mit mir gerungen, ihn abzusenden, ich wollte aber auf Rückmeldung warten und nicht vordringlich sein... Sollt ich ihn jetzt in der Anrede auf "Hallo Dorehn" umbenennen und ihn mir auf eine andere Mailadresse selbst zusenden? ...was für ein Schwachsinn. Soll ich es machen wie eine große Künstlerin des 19. Jh., der Briefe an eine nicht existente Person verfasst hat?  Ist es so schwer zu verstehen? Ich will aus den "eigenen Wänden raus" (!) ohne den Boden der Realität zu verlieren, nächste Woche beginnt wieder die Arbeit, heut hatte ich schon zwei Chöre... nein, ich hoffe, Du stufst mich nicht unter "verrückt" ein, nur weil ich mein Erleben in Worte fasse (!)... Ich könnt mir vorstellen, halt keine Anrede zu verwenden, damit es in anonymer Form bleibt und keine Fragen an den Gegenüber zu richten und entsprechend auch keine Antworten zu erwarten... ich bin diesbezüglich zu weit gegangen, entschuldige. Vieles ist eine Form des (veränderbaren) Stils... liegt es daran, dass du dich zu "involviert" fühlst? Dorehn