Lebenslabyrinth - meine Geschichte

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Von: Dorehn      An: Claus

Datum: Fri, 16 Aug 2013 15:50

 

Betreff: mein 2. Seelenbrief

...ja, es geht! ...die Gedanken als "Brief ohne Adressaten" zu formulieren. Besser so?

 

 

Osnabrück, 14.8.’13, geändert am 16.8.‘13

In Gedanken hab ich beim Klavierüben lang überlegt, ob ich „die Fortsetzung“ meines letzten „Briefes“ schreibe, habe mich aber jetzt anders entschlossen, den nächsten Seelenstein loszuwerden, indem ich das Fass öffne mit dem Leben in der Familie „vor der Tat“, wo es auch um Anvertrauen und Nichtvertrauen geht: Meine ersten klaren Erinnerungen mit ca. 6 Jahren (die davor sind sehr verschwommene Bilder und wären eher vom Hören-Sagen nacherzählt) sind schön - ich durfte schon im Vorschulalter meine damals jüngste Schwester Rosina als Baby wie eine für mich lebendige Puppe versorgen (baden, wickeln, Milchfläschen geben, ausfahren) – aber… obwohl meine Mutter mir viel zutraute, warum konnte ich zu ihr  nicht wirklich Vertrauen haben?...  da steht mir „ein anderes Fass“ im Weg und ich kann nicht einfach dran vorbei… Ja, die Frage stellt sich irgendwie im Zusammenhang damit: …gut zwei Jahre später, Ende 2. Klasse, als ich in der Sommerhitze  nachmittags von der Musikschule kam, lockte mich ein Unbekannter an die Bachböschung neben dem damaligen Freibad und wurde plötzlich „übergriffig“,  brach zum Glück schnell durch nahende Stimmen ab und drohte mir nur hinterher, das ich’s niemand erzählen darf…  was ich - so innerlich erstarrt wie ich war - auch tat, ich konnte mich meiner Mutter oder meinen Geschwistern damals nicht anvertrauen, obwohl ich es wollte (!) und so blieb es für immer meiner Mutter gegenüber ein „Geheimnis“ …  Wahrscheinlich war es  Angst, weil ich nicht wusste, wie sie reagieren wird…(es war ja auch noch „fast nix wirklich passiert“- die Folgen aber sind „ein anderes Fass"… Meine älteste Schwester Begine hatte in anderer Situation Übergriffigkeit erlebt …sie erzählte mir viel später mal, dass sie von Mutter danach eine „geknallt“ gekriegt hat, woran ich mich so nicht erinnern kann (!). Aber meine Mutter konnte mächtig zuschlagen, Friedlinde bekam mal eine geschossen, dass ihr alle 5 Finger auf der Wange als rote Striemen brannten…  Und sie hat weggeschaut(!), es geduldet, wenn Vater zuschlug, so richtig mit Stock auf nackten Hintern(!) … es war entsetzlich, egal ob jemand anders oder  selber dran … der Älteste hat immer am meisten abgekriegt, was der alles „ausgefressen“ hat, weiß nicht… Ungezogenheit, Blödsinn machen, in andern Gärten rumstrolchen, am Bahndamm oder darüber hinweg in der Kiesgrube rumtoben wurde nicht geduldet … Bettnässen, Stottern, Daumenlutschen - in irgendeiner Schattierung hatte jeder irgendwas (als Folge). Natürlich hab ich meine Eltern nicht nur in strafender Konsequenz erlebt, aber das „Anderssein müssen“ als die Anderen war ein Spagat. Sie wollten sich bewusst abgrenzen von der „Masse“, deshalb mussten wir auch  eine völlig unmodische Haarfrisur, tragen (das hat mein Vater sogar nach dem Tod meiner Mutter - zu ihrem Gedenken-  noch fortgesetzt), so dass wir äußerlich immer auffielen… Widersprechen? Fehlanzeige… Dazu kam die viel zu beengte Wohnsituation, unser Elternhaus war längst nicht so groß wie es heute dasteht: es gab nur zwei unbeheizte Schlafräume mit 5 und 4 Betten und den Schränken (die ich ja nun endlich entsorgt hab) und die Essküche und das Wohnzimmer mit  Tisch u. Stühlen in der Mitte, drum herum Sofa (unser Trampolin), Klavier, Ofen, Schrank, Nähmaschine - eigentlich schon voll auch ohne Leute – und Bad? nee, nur  ein verspinntes Trockenklo, Körperhygiene war in der Essküche angesagt und nur samstags Badetag in der Waschküche im Keller… das waren selbst zu der DDR-Zeit keine üblichen Verhältnisse mehr, ich hab ja auch bei Klassenkameraden etc. gesehn, wie sie lebten, es war eher wie zu Vorkriegszeiten… Waren wir als „Assis“ abgestempelt?... eigentlich nicht, im Gegenteil, wir hatten unsere sauberen (Schul-)Klamotten – zuhause wurde sofort zur Hausklamotte gewechselt – und aus dem „Stoffimport“ meiner West-Oma selbstgeschneiderte Sonntagskleider von meiner Mutter – alle gleich, wir sahen wie aufgereihte Orgelpfeifen aus (ja der Vergleich passt…meine Mutter wollte eigentlich mal Organistin werden, bevor sie meinen Vater kennengelernt hat). …und unsere Taufpaten waren fast alle nicht-verwandtschaftlich und  angesehene Leut‘ in der Stadt, unsere Kinderärztin, ein Zahnarzt, der Uhr-und Schmuckhändler, der Pfarrer selber, der Bauleiter von der Kiesgrube etc… ich bekam die einzige verwandtschaftliche Patentante, die jüngere Schwester mütterlicherseits, die auch Kinderärztin wurde und wir Kids waren öfters mal ihr „Versuchskaninchen“- so haben wir das jedenfalls empfunden, wenn sie auf Besuch uns von Kopf bis Fuß begutachtete…

…Jetzt bin ich von dem oberen Vertrauens-Thema so ganz abgekommen… oder auch nicht, denn ich denk, es hat ja viel mit Sich-geliebt-fühlen / Sich-angenommen – beachtet – wichtig -fühlen-dürfen  zu tun und wie sollte das möglich sein bei der großen Rivalität um den „Platz an der Sonne“… anpassen war noch die „beste“ Methode…anpassen an die Unnormalität zu Hause und nach außen hin an „die Normalität“…, wie ein Chamäleon sein…ja, da ist es wieder (!)… Kann ich mich erinnern, dass ich mal als Kind ganz allein in den Arm genommen wurde/gehalten wurde, ob aus Freude oder zum Trost? ...ich kann mich nicht erinnern, höchstens, dass wir Kids als „Traube“ bei den Eltern um den Hals hingen und auf dem Schoß saßen, wenn wir was „erbetteln" wollten.... Ja, die Sehnsucht bleibt nach starken Armen, die sich um mich - mich ganz allein - legen… ganz lange, so wie  ein Mann die Liebste in den Armen hält, die ganze Nacht lang… Aber ich habe es auch nicht eingefordert früher so ganz für mich, stand halt nur mit „hinten an“ (ich glaub, das Gefühl hatte ich auch oft in einer Beziehung, ich fühlte mich nicht als das wichtigste für den anderen…!).

Aber zurück zur Vergangenheit: Erdmuthe z.B. hatte eine ganz andere „Strategie“, sie heulte immer, wenn ihr was nicht passte oder zu viel war und so „ergatterte“ sie sich Zuwendung…  Wir mussten ja in der Freizeit im Garten richtig mithelfen, mein Vater führte genau Buch, wer was gemacht hat und  im Herbst kam der große Entlohnungstag fürs Sparbuch… ich hab es –die Arbeit-, wie schon das Klavierspielen immer, nie als „Muss“ angesehen, ...ich machte es einfach …und ich habe meine „Arbeiten“ wohl eher als solche Rückzugspunkte empfunden, wo ich für mich sein konnte, ich war zwar aktiv aber als „stille Wasser sind tief“. (Dieses Sprichwort wurde mir immer mal wieder vorgehalten)

Vielleicht war Mutter und Vater einfach nur froh, dass sie sich nicht um mich kümmern brauchten, ich „kein Sorgenkind“ war?… ich war ja „stark“ und damit ich „so blieb“, bekam ich gleich mal noch die letzte übrige Kartoffel aus dem Topf auf den Teller, warum nicht z.B. die spindeldürre Erdmuthe?- ach ja, die hätte wieder heulendes Theater gemacht (…mein empfundenes pummliges Körpergefühl von damals trag ich heut noch mit mir rum). Die Kinderärztin sagte mal, „ich hätte Zähne wie ein Löwe“- sie meinte wohl die neuen Schneidezähne vorn-, worauf mein großer Bruder konterte mit „wohl eher wie eine Ratte“…so war dann auch mein mich sehr verletzender Schimpfname zu Hause geboren...

Ich merke, dass das Erinnern schwer ist, was alles schon „vorher“ war... Bis jetzt hab ich meinen großen Bruder noch fast ausgeblendet, weil ich das Gefühl hab, er gehört „als Ganzes“ in ein extra Fass,…und, …weil ich ihn inzwischen aus meinem Leben auch ganz „ausgeschlossen“ hab …mit dem „Brocken“ werd ich noch „kämpfen“ müssen, genauso wie ich später zeitlebens auch mit meinem Vater kämpfen musste… Trotzt allem, was ich schreibend jetzt mal „loslassen“ konnte, war es noch Kindheit mit Lachen, Spielen und Weinen und vielen auch schönen Sachen, die gemeinsam erlebt wurden, das alles zu schreiben, würde sicher noch mal so lang werden… und Vertrauen lernen?...ich stelle fest, dass dies durch die Verletzungen nicht möglich wurde… Aber  jetzt will ich  mir die nächsten Klaviernotenseiten vornehmen, bevor ich weiter schreibe.

Dorehn