Lebenslabyrinth - meine Geschichte

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von: Dorehn  an: Claus

Datum: 22.08.2014, 1:36  Betreff:...

                                                                  Osnabrück, den 21.8.‘13

Ich öffne das Fass mit dem „Leben danach“, wo  ich mich lange an den Gedanken geklammert hab, meine Mutter ist gar nicht wirklich tot, sie kommt wieder, wenn alles wieder heil ist an ihr… Meine zwei älteren Schwestern wurden „am Tag danach“ zum Verhör geholt, mich schüttelte es vor Angst, dass ich auch dahin gebracht werde und was sagen soll… zum Glück nicht… dann kam eine Diakonisse und kochte für uns…ziemlich schlecht…. Schule war erst am 2. Tag wieder angesagt, das Tuscheln der anderen  schon auf dem Schulhof verriet, dass sich alles auch ohne Presse wie ein Lauffeuer rumgesprochen hat. Auch auf der Straße fragten mich fremde Leute neugierig, wo denn das Haus sei, wo… es lief alles wie in einem „fremden Film“ ab… Dann die Beerdigung… als wir aus der Kapelle raustraten, wollt ich lieber versinken als durch das riesige Spalier von Menschen mitlaufen zu müssen… ich konnt immer noch keine Träne weinen, konnte die Realität nicht wahrhaben…  was wollten diese Leute alle?… dann sah ich meinen Klavierlehrer und ich fing an, aber nicht aus Trauer, sondern weil mir das total peinlich war… 

Ein paar Tage später ist meine alte Großtante aus der Verwandtschaft mütterlicherseits bei uns so halb eingezogen, bot sich spontan meinem Vater zur Hilfe an, denn es ging drum, dass wir Kinder  vom Amt aus auf verschiedene Heime aufgeteilt werden sollten, die Angst war groß, dass es vollzogen wird, wer kommt dann mit wem zusammen?...  Bei den Gerichtsverhandlungen wurde mein Vater wohl, wie wir es als Kids mitgekriegt haben,  ziemlich mitangeklagt, wegen seiner  Schlägermethode und Strenge, auch die zwei Schwestern meiner Mutter sprachen sich gegen ihn und für Justus aus… Wie sollten wir die Situation beurteilen?...Wer war hier wie schuldig?...uns saß die Angst vorm Heim im  Nacken und waren verstrickt in der Schuldfrage... (!) Warum war Mutter und nicht Vater  getötet? - Durfte man überhaupt so einen absurden Gedanken haben?(!) ... das es irgendwie ein böser „Racheakt“  von Justus war, war uns nicht bewusst fassbar, aber….  gab es etwas, worauf man alles laden konnte, wer die  Schuld am Unglück trägt… wie sonst so: Schuld hatte der Krieg oder  war ein Unfall oder eine Krankheit… oder waren wir schuld, weil wir nie wirklich artig waren?... (Unfall oder Krankheit mussten später öfters mal als „ Ausrede“ herhalten…jedenfalls öfters als die Wahrheit in ein paar Sätzen…die kennen höchstens 10 Personen seit meiner Studienzeit)

…Meinem Vater wurde das Erziehungsrecht nicht abgesprochen, er bekam Unterstützung von der  Kirche…  und er hat nie mehr so geschlagen… Wir blieben zusammen, die Großen waren für die Kleinen da, jeder hatte seine wechselnden Hausarbeitsaufgaben, Gartenarbeit sowieso, alles rund um den Herd übernahm die etwas schwerhörige Großtante für ca. 4-5 Tage pro Woche für einige Jahre … an einem Tag war sie ganz fertig, ich kam grad zur Tür rein, sie saß wie aufgelöst auf dem Stuhl erzählte Vater, dass sie Maria, unsere Mutter, die Treppe runterkommen gesehen hat- zum Greifen nahe - bevor sie „verschwand“… aber trotzdem klang es so hoffnungsvoll… ich hoffte, sie auch wiedersehen zu können… Die Tante übernachtete bei uns im 5-Bettzimmer mit… dafür musste eine meiner Schwestern (weiß nicht mehr wer) ins andere Schlafzimmer wechseln… ins Bett von Justus,, neben die Jüngste, Rosina, die schon immer da schlief…  das Bett der Mutter blieb frei, am Kopfende kamen an der Wand immer wieder  Blutflecken trotzt neuer Farbanstriche durch… und auf der anderen Seite des Ehebetts schlief Vater weiterhin. Oh Gott, wenn ich das heut mir vor Augen führ, dann kommt es mir selber wie ein „Gruselkabinett“ vor… Manche Nächte hatte ich Angstzustände, wo ich das Gefühl hatte, irgendwas atmet ganz dicht neben mir, ich lag hellwach ganz starr da, unfähig, die Hand fühlend ins Dunkel zu strecken, hielt die Luft an, um zu testen, dass es nicht mein eigner Atem ist… es kam nicht von oben drüber aus dem Doppelstock oder von unten am Fußende vom nächsten Bett… ich hab es nie rausgekriegt, was das war…irgendwann ist das zum Glück „verwachsen“.

Walltrud, die einzige Dunkelhaarige wie Vater unter uns, schrie später mal im Anflug des Entsetzens, wo eigentlich sollte das 9. Kind hin, wenn es noch geboren worden wäre… sollte es an die Lampe gehängt werden?... Ja, Mutter wollte (!)10 Kinder haben, das hat uns mal ihre ältere Schwester, unsere Tante, gesagt. Deshalb gab es auch immer Zoff zwischen denen, sie empfanden meinen Vater immer als Tu-nicht-gut, aber meine Mutter blies alle Warnung in den Wind… Der Jähzorn meines Vaters kam ab und zu später wieder durch und wenn es beim Mittagessen war, weil halt was nicht schmeckte… (wie frustrierend Essen kochen sein konnte für so viele, hat jeder irgendwann mitgekriegt, weil jeder mal dran war damit und mindestens ein andrer ganz bestimmt was zu mäkeln fand)…aber es wurde alles gegessen, was auf dem Tisch stand –basta … bis zum Erbrechen auf dem Teller bestand mein Vater wütend drauf, dass… nein nicht weiter, das wird selbst zum Schreiben jetzt zu eklig…

Szenenwechsel nach Weimar: ich war 4. Klasse, mein Vater fuhr mit mir zum Schloss  “Belvedere“, ich sollte beim Klavierwettbewerb vom Bezirk Erfurt mitspielen… roter Teppich auf den Treppen,  vergoldete Treppengeländer und der Saal mit Flügel empfing mich …ich fühlte mich als Prinzessin in einem echten Schloss… es war so eine ganz andere Welt – befremdlich, aber schön…ganz in mich gekehrt spielte ich meine Stücke vor, ich hab die Leute im Saal kaum gespürt, schön, aber zu introvertiert, sagte mein Klavierlehrer danach…damit konnte ich nix wirklich anfangen…

…und ab und zu wurden wir Kids von der Pfarrersfamilie, die auch 6 Kinder hatten und im großen bürgerlichen Pfarrhaus wohnten, eingeladen, zum Kaffeetrinken und gemeinsamen Spiel, sie waren sehr musikalisch, ich kannte sie von den Auftritten bei den damaligen „Best-of“- Schülerkonzerten her…das war schon eher die Wellenlänge, die mir in der Seele gut tat…auch wenn die Kids gern ihre Nase etwas höher trugen ohne es vielleicht selber gemerkt zu haben. Sie hatten eine „Hausmusikband“ (Violine, Blockflöten, Cello) und wir auch – Friedlinde und Erdmuthe - Geige, Begine - Cello und „der Rest“ Blockflöten (ich hatte mir mit Hilfe von Begine, die mal Flötenunterricht hatte, die Griffe beigebracht, um mitspielen zu können, denn meistens war ja kein Klavier „zur Hand" und dann wurden gemeinsam Konzerte veranstaltet…und zu Weihnachten zogen wir los, um uns mit Weihnachtsmusik bei den Leuten, die uns was geschenkt hatten, zu bedanken… na ja, z.T. haben die Leute das falsch verstanden, dachten wohl eher, das wir das so machen als „Straßenmusikanten“ und schenkten uns noch mal was… das brachte uns in „gemischte Gefühle“ zwischen Danke sagen und doof finden… das war auch die Zeit, wo sich so ein „Mona-Lisa-Lächeln“ im Innern breit machte –nicht nur bei mir-, dass im unpassendsten Moment ( in eher ernsten Dingen) im Gesicht stand und so gut wie gar nicht zu beherrschen war, es machte unfähig, echte Betroffenheit, Trauer, vlt. auch Angst einem Gegenüber  zu zeigen, ja, wie wirkt das, wenn jemand sagt „Oh, das hat sicher weh getan…“ und man „lächelt“ daraufhin u. will es (deshalb) lieber nicht gefragt worden sein… trotzdem war die „Antenne“ für echtes Mitgefühl spüren, oder ob nur Neugier oder (falsches) Mitleid dahintersteckt, nicht weg… wenn meine Klassenlehrerin ab und zu im Diktat mal einen Fehler „übersehen“ hat, damit die Note die bessere war, das war mir nur blöd peinlich… und dann in der Mittelstufe ging es ja drum Englisch oder Französisch als 2. Sprache lernen… ich wollte/konnte mich nicht für Englisch entscheiden, obwohl mein Vater so drauf gedrungen hat, aber… die Gründe würden jetzt noch mal viel Raum einnehmen…ich pack sie in das „harter Brocken“-Fass… denn es reicht jetzt, auch wenn vieles nur angerissen stehen bleibt. Die Gedanken hier reihen sich aneinander, wie die vielen kurzen Melodiephrasen, die im „Finale“ der Klavierfantasie wie Puzzlesteinchen noch mal hörbar werden…hier wie da ist es in der Art einer Erinnerungsreise…                                                                            

Dorehn  

 

Osnabrück, 18.08. '13 - Tagebucheintrag


An manchen Tagen stürzen regelrecht Ereignisse auf mich ein, die unmittelbar mit dem in Verbindung stehen, was mich gerade beschäftigt… ich entdeckte heut Vormittag in einer Ausstellung ein Bild, das so deutlich auch meine Angst –Vertrauen –Liebe -Gedanken darstellt…eins der Bilder, die ein Künstler in einem menschlichen Kreuzweg-Bilderzyklus darstellt, schon eher meditative Bilder mit leuchtender  Farbenkraft… ich stand lange davor, musst mich beherrschen, dass nicht die Tränen anfangen… Hab ich nicht erst vor  ein paar Tagen in diesem Wortkreis versucht einen Teil meines Kindheitserlebens darzustellen? ... Die Brücke zwischen Angst und Liebe ist das Vertrauen, das helfend die Angst überwinden kann. Die Darstellung macht sehr deutlich, woraus sich dieses Vertrauen aufbaut -  als unmittelbare  geradlinige Verbindung… Ja, ohne von Liebe (geliebt-fühlend) gespeistes Vertrauen kann die Angst als dunkle Kraft wüten und die Liebe erscheint nur als starkes Sehnsuchtssymbol, ja kann sogar von der Angst ergriffen werden. 

 

…und dann noch heut Abend im Kino der Film „Gloria“, der von einer Frau erzählt, die nach neuem Singledasein durch Scheidung und nachdem die Kinder aus dem Haus sind, versucht, wieder ihr Glück zu finden…, mit viel komisch-menschlichen Situationen und viel Wahrheiten, die mich Lachen und Weinen lassen. Ja das Glück finden und mit einem Menschen zusammenwachsen, so wie ich es diesen Sommer bei mir in Vieselbach mit meinen Rhöner Freunden erlebt hab, als sie mich besucht haben, das ist ein Traum…aber an mir haftet zu viel negatives, von dem ich mich lossagen muss… Brauch ich das Vertrauen und Liebe von außen, damit ich es auch entwickeln kann, um ohne Angst vor Zurückweisung alles sagen zu können, was mich belastet?


 

Von: Claus        An: Dorehn

Betreff: Re:

Datum: 18.08.2013 22:32

Hallo Dorehn,

wenn ich deine Zeilen lese, dann laufen mir zeitweise eisige Schauer über den Rücken. Ich fühle mich wie ein Voyeur ohne es sein zu wollen. Ich habe das Gefühl, du erhoffst dir Hilfe von mir, jedoch fühle ich mich damit auch hilflos.

Gruß Claus

 

 


 Von: Dorehn        An: Claus

Datum: 19.08.2013  02.28 Uhr

Betreff: Re

 

Hallo Claus,

das Schreiben tut mir gut, auch wenn die nackte Wahrheit, wie ich sie empfunden habe, mich selber erschreckt, wenn ich es (sie) dann so dastehend lese. Es würde nie (!) im Leben so sprechend aus mir rauskommen und deshalb ist die schreibende Form befreiend, auch ohne Kommentar. Nur es so nirgendwo "loswerden", das wäre erstickend für mich. Ich hoffe einfach, dass es deinerseits auszuhalten ist, wem sonst sollte ich es zutrauen?...

Dorehn

 

 

Von: Dorehn        An: Claus

Datum: 24. 08.2013   08:50

Betreff: der 24.

Hallo Claus,

bin früh aufgewacht, vielleicht hängt es damit zusammen, dass mir vorm Einschlafen bewusst geworden ist, dass heut der 24. ist, also genau einen Monat nach dem zuletzt gemeinsam besuchten Klavierabend… ich weiß gar nicht, ob ich „erst“  oder „schon“ ein  Monat schreiben sollt, dafür hab ich grad gar kein Zeitgefühl. Manchmal fühl ich’s wie ewig, andermal wie vor kurzem…

Mich beschäftigt, was Du in deiner letzten Mail formulierst… Die Schauer, die dich befallen…befallen sie dich, wenn Du jetzt dran denkst, dass „die Briefschreiberin“ dir so nah gewesen ist… oder wegen dem,  was ich schreibe…? Und warum fühlst Du dich als Voyeur beim Lesen  der Briefe... -  wenn sie zum Mitteilen gesandt sind?  Als Voyeurismus empfinde  ich eher das, was Du vorher „hinter meinem Rücken“ gelesen hast, um „etwas“ von mir zu erfahren… Auch als ich deine erste Rückmeldung Anfang August las, lag mir die Frage auf der Zunge:  Warum hast Du mir gegenüber nicht dein Misstrauen ausgesprochen, sondern nur für dich entschieden, was „dagegen“ (gegen mein schweigendes „Mauern" zu tun?  Ich hätte die  Gedanken wie Du nie so formulieren können, ich war erst mal platt vor dieser Selbstsicherheit, die mir da entgegenkam…

Eigentlich würd ich Dir die Fragen vis-à-vis stellen wollen, aber ob es noch mal zum Treffen kommen kann, da scheu ich selber vor. 

Für mich steht alles offen und mir ist nur  bewusst geworden - ich habe nichts zu verlieren- ja was auch - die „Maske“ ist gefallen, die harte Schale gesprungen - ich kann höchstens „etwas“ gewinnen... Was? - das wahre „Ich“? ein echtes „Du“? …

Sieht man mir an, was in mir los ist? ... in den letzten Tagen hab ich von anderen gehört „Du siehst richtig gut erholt aus“  etc…. sieht man mir das „befreit-sein/werden“ an, selbst wenn ich mir grad eine halbe Stunde zuvor die Tränen kamen (?) … jetzt, wo mich der Schulzeitalltag wieder gefangen nimmt, lass ich die Gedanken der Vergangenheit nur zu, wenn ich den Brief „schreibe“…  Aber momentan hab ich immer noch Angst vor jeder Rückantwort von Dir, weil die Unsicherheit vor der Antwort, die womöglich „den Hahn zudreht“,  groß ist. Wird deine Zusage, dass ich meine „Briefe“ an Dich senden kann, bestehen bleiben?

LG Dorehn

 


28.08.2013 10:54 Uhr

Hallo Claus,...im Anhang ist eine Aufnahme (von einer LP) von der Wandererfantasie in einer Transcription von Franz Liszt für Klavier und Orchster, die, wie ich finde, dem Original von Schubert für Klavier-solo sehr nahe kommt, es eher noch "schärft".

...hoffe, dass es anhörbar wird, Dorehn.