Lebenslabyrinth - meine Geschichte

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Hallo Claus,

...es hat mich sehr getrieben, endlich mal zusammenhängend die langjährigen "Verstrickungen" mit meinem großen Bruder zu ordnen...das „Damals“ greift bis ins Heute…

                                                                                                            Osnabrück, 1.9. 2013

„Wenn es 8 zur Stunde läutet,

       kommt „die Larzen“ wie frisch gehäutet,

                mit dicker Schminke im Gesicht -

                      bemerkt sie selbst ihr Alter nicht“ …

… 4 Verse eines langen Gedichts, das Justus, mein Bruder,  in der 7. Klasse über seine (allgemein unbeliebte) Klassenlehrerin, der „englischen Lady“ der Schule, verfasst hat und was sich hartnäckig bis zu ihrem Schuldienstende Anfang der 80iger unter den Schülern gehalten hat…musste er deshalb damals auf eine andere Schule?...

…und 4 Jahre später wollte mein Vater bestimmen, dass ich ab der 7. zu der in den Englisch-unterricht gehen sollt??... nie im Leben wollt ich! 2 Tage Tränen brachte die Entscheidung meines Vaters aber nicht ins Wanken, erst als ich am 3.Tag den ganzen Nachmittag heulend mit den Füßen auf der Klaviertastatur verharrte, wurde klein bei gegeben… ich durfte zum Französischkurs, wie meine  älteren Schwestern auch…Sieg!...über was? ….über meines Vaters „Druck“  und über - oder vlt. eher für (?) - die Angst, somit keinen (Rache-)Schikanen dieser Lehrerin ausgesetzt sein zu müssen… -  die tatsächlich wie so eine altengl. Lady mit hochgesteckten Haaren, Rockkostüm, Aktentasche und Stöckelschuhen, nach vorn gebeugt gehend,  daher kam.

 …die Situation „verfolgt“ mich bis heute! Ich hab später, so sehr ich es wollte, noch keinen Zugang zu dieser Sprache finden können, jegliche Versuche mich später in Englischkurse zu setzen, endeten abgebrochen… lange Zeit hab ich mich mit Selbstvorwürfen über meinen „Schiss damals“ geplagt…  obwohl ich weiß, dass es mehr mit „ihm“ zusammenhängt – ja - ich richtig deshalb eine Blockade im Kopf hab! Wie sollt man denn heute - ohne engl. Songtexte richtig auszusprechen (und verstehen) zu können - Musikunterricht in der Schule gestalten (!)… ich hätt im Schuldienst nicht „glücklich“ werden können…deshalb blieb mir dieser Weg „versperrt“…

Wer war Justus, der wie ein „Dämon“  mir so verletzend im Wege stand? … ,den ich am Klavier bewundert hab und mit dem ich auch im Garten Bäume erklettert und mit dem Fußball gebäbbelt hatte etc.?... Wurde mein Bruder gehänselt in der Schule wegen „seinen vielen Hexen“ zuhause? ... Trotzdem er „faul“ war beim Üben, konnte er auch Violine sehr gut spielen,- er trickste gern beim Üben, fidelte  auf der Geige irgendwas rauf und runter und las dabei ein Buch auf dem Notenständer…  und Vater brachte er damit „zur Weißglut“ und das wohl auch schon ganz früh mit seinen tausenden „Warum‘s“… und dann war Justus  mal eine Weile „weg“(meine Erinnerung ist sehr vage dazu) eine Weile bei meiner Tante und - wie ich später erfuhr - im Erziehungsheim, …zum  „Tausch“?… ich kann mich nur erinnern,  dass bei  uns eine Zeitlang ein fremdes Mädchen  mitwohnte - aus einem Heim, das stundenlang sich im Bett daumenlutschend immer hin und her rollte… wir konnten mit ihm nicht spielen, wenn es was spielte dann höchstens die „Extrawurst“ und dann musste es wieder zurück ins Heim, weil meine Mutter  es nicht verkraftete…  und irgendwann musste Justus ab ca. der 7. Klasse auf eine andere Schule im Nachbarort, wegen…( s.o.?)… dann 8. Klasse - die Todesnacht!! Wie kam er drauf… mit der Axt!…   er hatte mal (zufällig?) beobachtet, wie Vater dem Schaf vorm Schlachten den letzten „Stoß“ gab… mit der Axt... Er rannte damals nach der Mordtat zu einem Klassenkameraden, dessen Eltern gleich die Polizei benachrichtigten, so dass kurz nach Eintreffen meines Vaters, als er aus EF vom Training kam, sie auch schon am Haus ankamen….  

…Justus kam in die Jugendhaft für 6 Jahre…  machte dort zumindest den 8-Klassen- Abschluss und lernte den Beruf Zerspaner…wurde von unseren 2 Tanten besucht –er hat wohl oft nach uns gefragt. Haben wir eine Entschuldigung von ihm gehört? ...nie! Er wollte seine Geige dort haben und hatte so die Möglichkeit, zu besonderen Anlässen  mal ein Konzertstück von Vivaldi oder so im Knast  vorzuspielen… wegen guter Führung (!) bekam er 1 Jahr „Erlass“ und er wurde in der Nähe meiner Patentante, die in einer Klinik bei S. in der damaligen Kinder-KH-abteilung arbeitete, mit Wohnung und Arbeit „versorgt“…  Als er uns 1x besuchen kam (angekündigt), waren wir  alle sehr verängstigt. Vor seinem Eintreffen „suchten wir Unterschlupf“ in der Wohnung der neuen Freundin von Vater, die es geschafft hat,  uns Kids von der blöden Haarfrisur zu „befreien“, also bei  „Mami“ (- diese Anrede umging ich möglichst, sie kam mir nicht über die Lippen, die war eher was für die Jüngsten für Johannis und Rosina) … währenddessen empfing mein Vater Justus allein und erst dann kamen wir dazu. Wir waren froh, dass er nicht lange blieb… Seine Haare und die dicke Brille waren noch gleich, er war schon immer der einzige Brillenträger unter uns.

Da ich ab und zu bei meiner Patentante zu Besuch war, bekam ich ihn auch dort zu Gesicht, denn sie war eine wichtige Bezugsperson für ihn und sie „arrangierte“ diese Begegnungen - hatte ich das Gefühl. Einmal  verschwand sie unter irgendeinen Vorwand und ich fühlte mich ihm allein ausgeliefert… ich blieb so im Raum, dass ich immer eine der zwei Zimmertüren im Rücken hatte, um notfalls fliehen zu können und verstand weder Wort noch Zusammenhang, was er so hochtrabend sprach, er schmiss regelrecht mit Fremdwörtern um sich. Die Zeit dehnte sich, ich konnte die gespielte Ruhe fast nicht mehr halten, weil mich Atemnot vor Angst plagte, so, wie es mich heut auf der Autobahn bei der in Leitplanken eingeengten km-langen einspurigen Baufahrbahn befallen kann… (es passiert/e ja eigentlich nix, die „Gefahr“ war/ist  reine Einbildung!)… aber ein paar Wochen später kam bei uns zuhause die Nachricht per Buschfunk an, dass Jost wieder „sitzt“, weil  er getötet haben soll…! Vater schickte mich nach S., ich sollte die ganze Wahrheit bei meiner Tante rauskriegen. Ich traf sie an und erfuhr die bedrückende  Wahrheit, …dass er zwei kleine Kids (Geschwister oder gar Zwillinge?) „zum Spielen“ gelockt haben muss und sie dann vergewaltigt und erdrosselt hat… Ich klebte erst mal am Stuhl fest …unvorstellbar! Warum musste er wieder so ein Leid anrichten!!... Durch sein Verhalten wurde er schnell als (geständiger)Täter ausfindig gemacht… im Ortsteil „brodelte die Hexenküche“, sie wollten ihn selber „richten“… Ich fuhr am gleichen Tag noch zurück und zog mir vorsichtshalber die Kapuze über den Kopf, um nicht auf dem Rückweg durch den Ort bis zum Bahnhof durch blöden Zufall erkannt zu werden und  ich war froh, wieder weg zu sein.  Wie hielt das meine Tante dort aus? ...(sie war allein und sehr eigenbrötlerisch frömmelnd, hatte außer zur Mission und Kirche keine Kontakte dort, das ganze Gegenteil von der anderen Tante, die „kompakt“  als Lehrerin im Leben stand.)…Justus kam für 25 Jahre (lebenslänglich) erst in eine geschlossene Psychiatrie bei B, später war er auch mal in Haft (?) in L. Da war ich mit dem Musikstudium schon fertig und hatte ‘87 meine erste Anstellung an einer Musikschule in der Nähe von Dresden.  Meine Patentante redete solange auf mich ein, dass ich einwilligte zu einem „Besuch“ in L. Mir schlug so eine Tristesse von graustem Grau entgegen, als ich das Gelände dort betrat, das mir alles weh tat(!)… und diese Begegnung,  - mir war nur zum Davonlaufen und  nie wieder wollt ich „das“ sehen  (in diesem grauen Elend – wie sollte denn  da jemand „gesund“  werden?!?...hatte ich Mitleid?…war‘s das, was meine Tante von mir wollte?!?) -  Diese Begegnung brachte mir die erste richtige depressive Phase ein…

Seit ungefähr dem 18. Lebensjahr  hatte ich zwar immer mal einen „schwarzen Tag“, da war einfach alles nur zum Heulen…und wenn ich es tun konnte, dann war ab dem nächsten Tag die Welt wieder in Ordnung, es war wie so eine Bereinigung. Zum Glück hatte ich auch diesen „Raum“, mein damaliger Freund ließ mich einfach gewähren, auch wenn er meinen „Weltschmerz“ natürlich nicht teilen konnte… aber diesmal zogen sich viele „schwarze Tage“  über Wochen, gepaart u. gespeist  mit den sowieso großen Problemen, denen ich mich im Alltag meiner ersten Arbeit ausgeliefert fühlte…  und erst zu Ostern kam wieder „Licht ins Dunkel“ - diesen Zyklus hab ich auch in den folgenden zwei Jahre beobachtet.  Ich bin hartnäckig weiteren Besuchswünschen ausgewichen…und war ja dann „zur großen Wende“ auch gleich in Darmstadt… Mirjam, als „Kind der Grenzöffnung“  kam am 13. August zur Welt - zum „Gedenktag des Mauerbaus“ (den ich eigentlich hoffte, als Geburtstermin zu umgehen)

…und dann kam ein Brief von meiner Tante, in dem ein zweiter steckte – von Justus. Er wollte Briefkontakt knüpfen… und ich bin drauf eingegangen. Aber es waren so ziemlich immer die gleichen stupiden Sachen, die er in Druckbuchstaben aufs Blatt brachte. Und meiner formulierten Erwartung einer Entschuldigung konnte er nicht folgen… Im Grunde fühlte ich schon, dass er über die Jahre hinweg, überhaupt nichts mehr war… nur noch ein gebrochener kranker Mensch.  Doch als mich nach Mirjams 1. Geburtstag, an dem auch meine Tante zu Besuch war, ein Brief von ihm erreichte, das er nun endlich mal mich und meine süße Tochter auf einem Foto gesehen hat…, fingen die Alarmglocken an zu schrillen… ich bekam seither immer wieder Angst um meine - später ja zwei - Kinder, ich malte mir aus, wie er plötzlich vor meiner Haustür steht, weil ich ja so „nett“ bin und er uns mal besuchen wollt… wer weiß, wenn er wegen guter Führung Ausgang kriegt (oder hatte er den sogar schon?)…  ich hab den Briefkontakt seitdem abgebrochen… wenn ich ab und zu später (bis heut) von meiner älteren Tante  eine Postkarte von Justus vorgelesen bekam – zu mehr sei / ist er von den Augen her und kräftemäßig nicht mehr in der Lage - prallen die Worte wie gegen ein Schutzschild vor meinen Körper ab. Ihre Tochter, unsere einzige nähere Cousine, ist schon viele Jahre immer mitgefahren, Justus zu besuchen und hat es nunmehr übertragen bekommen.  Jetzt, wo meine ältere Tante nach einem Schlaganfall ins Pflegeheim musste und ihre Wohnung zu Ostern aufgelöst wurde, haben endlich Friedlinde und Erdmuthe auch mal was übernommen… bei Erdmuthe lagern nun in der „hintersten Ecke“ vom Boden „bis ich (also sie) soweit bin“ – wie sie sagt - zwei visionär gemalte Bilder von meiner Tante, auf denen sie malte, dass Justus wieder von uns auf-/ angenommen wird… und Friedlinde bewahrt nun zwei Koffer mit Habseligkeiten von ihm … und ich bin ehrlich gesagt froh, dass wenigstens „dieser (und jener)  Kelch an mir vorüber gegangen ist…“. Hab ich z.Z. einen Standpunkt zu dem Ist -Zustand? - wie Walltrud z.B., die sagt: „was soll ich mir das Leben schwer machen, er existiert für mich nicht mehr“ … Wo ist er jetzt? …ich weiß nur, dass er in L ist, aber wo…„die Zeit“ ist ja rum… Ich hab mir noch nicht gewagt, Interesse daran zu zeigen…  “Gefahr“ spüre ich  nicht mehr, aber, … werde ich ihm noch (bald) zu Lebzeiten vergeben können oder erst wie es mir bei Vater ergangen ist, als er sterbenskrank im Bett lag?...

Schon lange frag ich mich, wie wir Geschwister es geschafft haben, so relativ gesund und „normal“ und geistig fit diese Kindheitserlebnisse zu überstehen… mit „Glück“ und „Schutzengel“?, ….weil Körper und Psyche es geschafft haben, den übergroßen Schmerz „wegzuschließen“, so dass er zwar in der „Kammer“ sein Unwesen treibt, aber nie total die Oberhand gewinnen konnte?… Ich hatte z.B., als Simon, mein Sohn, so 14/15 Jahre war, keine Angst mehr als Mutter, das er mir was antun würde… und jetzt in den letzten 2-3 Jahren - wenn er mal in Wut mit eindeutiger Drohgebärde mich „angriff“, konnte ich der „standhalten“, gerade in der Zeit, wo er mal „ganz dicht gemacht“ hatte, sich ins Bad  eingesperrte und ich ihn dann wegen Drogen in die Klinik gebracht hab… diese „Gefahren“-Ängste sind, glaub ich, durch meine eigene durchgemachte langjährige Therapie wirklich weg. Verunsichern tut mich eher sein wenig ausgeprägter „Lebensantrieb“, total entgegengesetzt im Vergleich zu Mirjams Power  und Engagement, wo ich denk, dass es schon was zu tun hat mit der Beziehung zu seinem Vater, der leider eine wenig positive Vaterrolle inne hat…Simon konnte auf ihn nicht Stolz sein...

Verbleibe mit lieben Grüßen, Dorehn