Lebenslabyrinth - meine Geschichte

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Spielfreude - eine Momentaufnahme und ihre Geschichte

…ganz überraschend großzügig bin ich zu einem Videoaufnahmegerät vergangene Woche gekommen, ein Kollege leiht es mir für die nächste Zeit – wir waren vor längerem schon mal im Gespräch darüber… „ja, er braucht es jetzt gerade nicht, er tritt erst mal seinen Vaterschaftsurlaub an für seinen „Märzgeborenen“…total lieb, find ich…

…und so „juckte“ es mir gleich am vergangenen Freitag in den Fingern, es auszuprobieren…bin gerade am Üben und wieder Auffrischen eine der  Konzertetüden von Franz Liszt…nun, die Aufnahme ist nicht perfekt gespielt - eine Momentaufnahme halt… mir war es wichtiger, wie der Klang des Flügels bei der Aufnahme rüberkommt…letztendlich hängt es von der Qualität des Lautsprechers ab…wenn ich es z.B. mit dem Kopfhörer am Laptop anhöre, ist der Klang wesentlich besser als ohne, wo dann so ein leichtes „Klirren“ mitschwingt…

…sehr lange hab ich dieses Stück nicht öffentlich aufgeführt, eher nur so für mich mal gespielt... - es wird Zeit, dass sie nun wieder „die Bühne sieht“. Einstudiert habe ich die Des-Dur Etüde 1988, um sie bei einem partnerstädtischen Musikaustausch damals im tschechischen Karlsbad (Karlovy Vary) zu spielen…die Atmosphäre, die dieser Kurort ausstrahlte, eingetaucht in herbstlich bunte Stimmungsbilder, ließ mich damals kurzzeitig aufatmen und ist mir bis heut noch vor Augen…sehe die verglaste Orangerie mit dem Konzertflügel noch vor mir…beim Gang durch die Straßen und Parkanlagen fühlte ich mich wie zu Goethes Zeiten…

…für mich schwingt bei der Konzertetüde Des-Dur jedoch noch eine viel längere Geschichte mit, sie führt zurück in die Studien-und Absolventenzeit von 1985 – 88: im Studium lernte ich diese Etüde durch einen Kommilitonen kennen – wir studierten beim selben Lehrer, der für jeden seiner Studenten die Etüden zusammenstellte… meine andere Mitstudentin des Jahrgangs bekam das „Waldesrauschen“ – die erste der programmatischen Etüden - ich sollte die zweite üben – den „Gnomenreigen“, mit der ich nie wirklich „warm“ wurde, ich habe sie später auch nie wieder gespielt – dabei hätt ich alles gegeben, die Konzertetüde Des-Dur oder die andere  Programmetüde lieber zu erarbeiten – zeitlich nebenher noch mehr zu üben war aufgrund des straffen Studienprogramms gar nicht mgl. … an die „Waldesrauschen“ konnte ich später nicht mehr ran, ihr hängt die Erinnerung an den Freitod der Mitstudentin zu sehr an… und meinen Wunsch, die Des-Dur zu spielen, konnt ich erst nach dem Studium verwirklichen…in den Absolventenjahren an einer Musikschule bei DD…dort kam ich hin, weil ich angab, dass mein langjähriger Freund in DD in einem Orchester angestellt war… – Glück gehabt? …man hatte sich schon vorm Studium zu einer ersten zugewiesenen Anstellung für 3 Jahre zu verpflichten… es kam mir nicht ungelegen, jedoch war die Freundschaft schon am Bröseln… doch was erwartete mich?...ich musste erkennen, dass ich „staatlich“ aufgrund meines Wunsches schon als  „fast verheiratet“ eingestuft wurde…ich erhielt keinen eigenständigen Wohnraum - da ich doch schließlich innerhalb von 50km „jemanden“ hab (!) – ich glaub - das ist gerade für die, die nicht in der durchorganisierten DDR aufgewachsen sind, vlt. nicht wirklich nachvollziehbar… ich hatte mein „Anrecht auf Eigenständigkeit“ vergeben(!) und kam in großen Konflikt bei meiner Arbeitsstelle vor Ort…

Mein Antrag auf eigenen Wohnraum bei der zuständigen städtischen Wohnraumbehörde wurde ignoriert – es war zum verzweifeln …eine couragierte alte Gesangslehrerin und Kollegin, deren Söhne beide schon auf den „Abflug“ in den Westen warteten, nahm mich meiner an…sagte im leicht verbittert lachenden Ton, was ich tun oder lassen muss: „ohne Widerspruch beim Ministerium erreichst du gar nichts…und wenn das nichts bringt, dann zum höchsten Organ, an Honecker - ein Einschreiben mit Rückantwortbrief“ …erst die bittere Umsetzung beim letzteren brachte mir nach reichlich einem Jahr den Erfolg, einen halbwegs akzeptablen Wohnraum zu bekommen. Das Antwortschreiben von damals hab ich als eins der wenigen Dokumente dieser Zeit aufgehoben:

Staatsrat der DDR – Abt. Eingaben, Sektor…, Akt.z. ….      Berlin, den 18. 2.1988

Werte Frau….,

Ihre an den Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR gerichtete Eingabe, mit der Sie um Unterstützung in Ihrer Wohnungsangelegenheit ersuchen, wurde uns zur weiteren Veranlassung übergeben.

Ihre Darlegungen nahmen wir zum Anlaß, uns mit dem Oberbürgermeister der Stadt….in Verbindung zu setzen u. eine Überprüfung Ihrer Wohnungsangelegenheit zu veranlassen.

Gestatten Sie uns bitte in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, daß dieser Bearbeitungsweg auf der Grundlage der Verordnung über die Lenkung des Wohnraumes vom 16.10.1985 erfolgt, wonach ausschließlich die örtlichen Staatsorgane für die Klärung und Entscheidung von Wohnungsangelegenheiten in ihrem Territorium zuständig sind.

Erwarten Sie daher bitte weiteren Bescheid von vorgenannter Dienststelle.

Auch wir lassen uns über das Ergebnis der Bearbeitung Ihrer Eingabe in Kenntnis setzen.

Mit sozialistischen Gruß, ….. (Fachgebietsleiter)

 

… was lief innerhalb dieser Wochen, ja Monate des Wartens ab…?

Ich kam mir wie ein herumstreuender Hund vor, meine Studienhabseligkeiten (Matratze, Regal, Stuhl etc.) lagerten im Keller der Musikschule… erst wurde mir ein Bett im Dreibettzimmer eines „Arbeiterwohnhotels“ zugewiesen, wo man sich mit den Kakerlaken im öffentlichen Duschraum und unterm Kopfkissen arrangieren musst…das war nicht auszuhalten!…ich „bezog“ (wohl eher besetzte) kurzerhand als Bettstelle den Notarztraum in einer  Außenstelle der Musikschule, zumindest war eine Dusche, ein Bettliege und eine Kaffeemaschine da…und viel Zeit und Ungestörtheit zum Üben am Flügel (!)…ja, das Klavierspielen hat mir sehr geholfen, emotional allen Widrigkeiten Stand zu halten…so nahm in dieser Zeit unter meinen Fingern diese Etüde allmählich Form an…

…aber auch Mobbing bekam ich verstärkt zu spüren…aus Karlsbad wurde eine tschechischen Delegation erwartet, die Musikschule organisierte ein Konzert, bei dem ich mich bereit erklärte mitzuwirken…ich wollte die Konzertetüde spielen…die Zeit verstrich, ich bekam trotzt mehrmaligen Nachfragen keine Rückmeldung, das ich beim Konzert auftreten kann…der Tag kam, ich setzte mich als Zuhörer mit ins Konzert, der stellvertretende Musikschulleiter (ein Genosse) begrüßte mich am Eingang „schleimig“… ein Programmzettel gab es nicht…und dann höre ich, wie genau Der vorm Publikum steht und als nächstes meinen Auftritt ankündigt(!) …die Alarmglocken schrillten in mir…was war das?...ich sah die Blicke derer, die mich kannten, auf mich gerichtet…ich war in keinster Weise innerlich darauf vorbereitet…dieses virtuose Stück trägt man nicht einfach mal so „im Vorübergehen“ vor…die Situation war zum „im Boden versinken wollen“… was lief hier ab?...ein Moment des Stillstands in mir, des Erstarrens…ein Gefühl, das auch heut noch Tränen der Wut und der Kränkung erzeugen kann… im Nachspiel dieser Situation musste sich der Kollege zwar auf meine Forderung hin im offenen Rahmen entschuldigen, aber es war spürbar gespielt…welche Kräfte wollten mir hier einen „Denkzettel verpassen“?  

…immer wieder sprach ich wegen des noch nicht gelösten Wohnungsproblem beim Amt vor, legte eine Liste von leerstehenden Wohnräumen vor, die ich selber recherchierte - ganz oft übers „Hören-Sagen“ (der Buschfunk funktionierte) - und mit Hilfe von einer Gruppe „Gruftis“ -auch so junge Leut, die nur noch in irgendwelchen Löchern hausten und auf ihre Ausreise warteten… und in eine wollte ich dann kurzerhand ohne Genehmigung einziehen… einen Schlüssel zur Wohnung hatte der Obermieter (woher wohl?)… ich holte mir vom Hausmeister der Musikschule den Kellerschlüssel, um demonstrativ zu Fuß einen Stuhl und eine Stehlampe in der Wohnung schon mal abzustellen…ich verweilte ein paar Minuten in der Wohnung, als es plötzlich klingelte und ein Herr vor der Tür stand, der mir, als ich öffnete, seinen Ausweis vor die Nase hielt und mit eiskalten Blick  fragte, was ich hier zu suchen hätt…ich hatte sehr wohl wahrgenommen, wen ich vor mir hatte, so dass ich wortlos mit zittrigen Knien meine Habseligkeiten schnappte und sie wieder in den Keller zurücktrug…  

Wer steckte da dahinter? …wer hat mein Vorhaben „gemeldet“? ...der aalglatt wirkende Hausmeister, …der Obermieter? ...ja, der Stasi schien nix zu entgehen -wenn Blicke wirklich töten könnten, die ich da an der Wohnungstür gespürt hab, wär ich umgefallen…

…zum „Ausgleich“ der heimischen Konzertmisere durfte ich ein halbes Jahr später dann nach Karlsbad mitfahren… ja, es war ein Moment des Aufatmens…nicht jedes Stück hat soviel Geschichte wie diese Konzertetüde für mich…aber doch sind sie mit persönlichen Erinnerungen verwoben…